Sich nicht erwachsen fühlen – das innere Kind in uns
Manchmal spüren wir in herausfordernden Situationen, dass unsere bisherige Art und Weise, mit bestimmten Situationen umzugehen, an ihre Grenzen stößt. Wir reagieren vielleicht immer wieder auf ähnliche Art und Weise, obwohl wir eigentlich wissen, dass uns dieses Verhalten nicht weiterhilft. Wir fühlen uns hilflos, überfordert, wütend, ängstlich oder ziehen uns zurück. Mit unserer gewohnten Art zu sein und zu handeln gelingt es uns nicht, eine hilfreiche Lösung herbeizuführen.
Manchmal erleben wir dabei auch ein eigenartiges Gefühl: Wir fühlen uns nicht wie ein erwachsener Mensch. Obwohl wir wissen, dass wir heute erwachsen sind und über viele Fähigkeiten, Ressourcen und Erfahrungen verfügen, reagieren wir plötzlich sehr verletzlich, ängstlich, trotzig, bedürftig, hilflos oder handlungsunfähig und können nicht darauf zurückgreifen. Es kann sich anfühlen, als wären wir in diesem Moment wieder ein Kind.
Hier kann das Konzept des inneren Kindes eine hilfreiche Perspektive eröffnen. Mit dem inneren Kind ist ein Persönlichkeitsanteil gemeint, in dem frühe Erfahrungen, Bedürfnisse, Gefühle und Beziehungserfahrungen weiterwirken. Bestimmte Situationen im Erwachsenenleben können Erinnerungen und emotionale Muster berühren und triggern, die ihren Ursprung in unserer Kindheit haben. Dann reagiert nicht unser heutiges erwachsenes Selbst auf die aktuelle Situation – manchmal wird ein früherer Anteil unseres Erlebens aktiviert und übernimmt.
Man könnte vereinfacht sagen: Ein Teil von uns ist in einem bestimmten Alter emotional stecken geblieben. Das bedeutet nicht, dass wir tatsächlich in unserer Entwicklung auf diesem Alter stecken geblieben sind. Vielmehr können bestimmte Erfahrungen oder Bedürfnisse aus dieser Zeit noch nicht ausreichend verarbeitet, beantwortet oder integriert worden sein. Wird später eine für uns „ähnliche“, vielleicht sogar traumatische Situation erlebt, kann dieser Anteil wieder in den Vordergrund treten.
Ein Kind verfügt naturgemäß nur über die Ressourcen und Strategien, die ihm zu diesem Zeitpunkt zur Verfügung stehen. Wenn ein Kind beispielsweise erlebt, dass seine Bedürfnisse nicht gesehen werden, kann Rückzug oder auch dominantes Verhalten eine sinnvolle Strategie sein. Wenn es gelernt hat, dass Widerspruch gefährlich ist, kann Anpassung Schutz bieten. Wenn es sich nur durch besonders gutes Verhalten Anerkennung sichern konnte, kann später ein ausgeprägter Perfektionismus entstehen. Was damals möglicherweise eine wichtige Überlebens- oder Bewältigungsstrategie war, kann im Erwachsenenalter jedoch zu einer Belastung werden.
Wenn ein solcher innerer Anteil aktiviert wird, reagieren wir deshalb manchmal aus dem damaligen Alter heraus. Wir verfügen zwar heute über wesentlich mehr Wissen, Fähigkeiten und Möglichkeiten – in dem aktivierten Moment stehen uns diese Ressourcen jedoch nicht immer vollständig zur Verfügung. Die emotionale Reaktion kann dann wesentlich stärker sein, als angemessen und als es die aktuelle Situation vermuten lässt.
In der therapeutischen Arbeit geht es deshalb nicht darum, diesen Anteil „loszuwerden“. Vielmehr schauen wir gemeinsam genau hin: Was hat dieser Anteil erlebt? Was hat er damals gebraucht? Welche Gefühle und Überzeugungen sind entstanden? Welche Strategien waren damals notwendig und welche davon sind heute nicht mehr hilfreich oder sogar schädigend?
Ein wichtiger Schritt besteht darin, den inneren Kindanteil zunächst wahrzunehmen und seine Bedürfnisse zu verstehen und zu akzeptieren. Dabei kann es darum gehen, ihm Sicherheit, Wertschätzung, Schutz, Anerkennung oder emotionale Zuwendung zu geben. Wo dies notwendig ist, kann ein „Nachbeeltern“ – auch als Reparenting bezeichnet – einen wichtigen Bestandteil der therapeutischen Arbeit darstellen.
Dabei übernimmt das heutige erwachsene Selbst zunehmend die Rolle, die früher möglicherweise von wichtigen Bezugspersonen nicht ausreichend ausgefüllt werden konnte. Der innere Kindanteil bekommt nachträglich die Erfahrung: Ich bin heute nicht mehr allein. Ich kann mich schützen. Ich darf Bedürfnisse haben. Ich darf Grenzen setzen. Ich bin wertvoll, auch ohne etwas leisten zu müssen. Ich bin liebenswert. Ich bin richtig.
Ziel ist dabei nicht, in der Vergangenheit zu leben. Die Vergangenheit soll ihren schädigenden Einfluss auf die Gegenwart verlieren. Der innere Kindanteil darf sich entwickeln, nachreifen und sich in die Persönlichkeit integrieren. Das erwachsene Selbst kann dann immer mehr Führung übernehmen – nicht indem es das innere Kind ablehnt, sondern indem es ihm Sicherheit und Orientierung gibt, seine Bedürfnisse achtet und anerkennt.
Heilung bedeutet in diesem Sinne nicht, das Kind in uns zum Schweigen zu bringen. Sie bedeutet, dass der Erwachsene in uns lernt, für dieses Kind da zu sein. So können alte Gefühle verstanden, frühere Strategien gewürdigt und neue, erwachsene Handlungsmöglichkeiten entwickelt werden. Der innere Kindanteil muss dann nicht länger allein aus den begrenzten Ressourcen der Vergangenheit heraus reagieren, sondern kann in die Persönlichkeit des heutigen Erwachsenen hineinwachsen und seinen Platz in einem stimmigen, integrierten Selbst finden. Das führt zu mehr Lebendigkeit und Lebensenergie.
Wenn Ihnen das bekannt vorkommt und das auch Ihr Thema sein könnte, vereinbaren Sie am besten gleich ein unverbindliches Erstgespräch und lassen uns gemeinsam schauen, wie ich Sie unterstützen kann. Ihre Daniela Hendrych
Inneres Kind, Systemische Aufstellungsarbeit, EMDR, Körperorientierte Psychotherapie, Focusing, ACT



